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Reisebericht - 70 Tage im Sattel

von (WANDERREITHOF KERN)
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 Die "Glorreichen 12"

 Die estnische Volkstanzgruppe mit traditionellen Tänze Estlands
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Samstag, 23. April 2005 Es geht los! In 70 Tagen von Estland nach Österreich hoch zu Ross. Unsere 12 Pferde stehen bereits seit einigen Wochen gemeinsam auf der Koppel, um sich „anzufreunden“. Sie erwarten uns auf einem alten Militärgelände, auf dem wir eine Koppel abgesteckt haben. Koit Tikk, der estnische Züchter, ist ebenfalls dabei und hat sich als Ziel gesetzt die gesamte Strecke ohne Sattel zu meistern. Die Stimmung der Gruppe ist auf dem Höhepunkt. Wir können es kaum erwarten, endlich loszureiten!
Haapsalu. Bereits am ersten Tag können wir die liebenswürdige und warmherzige Art der Esten kennen lernen. Wir werden auf dem Marktplatz mit viel Trubel erwartet. Sie wollen uns verabschieden. Und das gebührend. Viel Gesang, Tanz, lachende Menschen. Das Highlight ist der Auftritt einer estnischen Volkstanztruppe, die direkt vor uns und unseren Pferden traditionelle Tänze Estlands zeigt. Ein einmaliges Erlebnis für uns – und unsere Pferde.
24. April 2005 Haeska. Wir legen die ersten 20 km zurück. Alles verläuft nach Plan. Am Abend errichten wir unsere Zelte mit Blick aufs Meer. Die Pferde stehen keine 50 Meter von uns entfernt. Eine Koppel gibt es nicht, aber wir können unseren Elektrozaun auf einer Wiese aufstellen. Für das Wohl der Reiter ist auch schnell gesorgt. Wir wollten gerade unseren Gaskocher aufbauen, als uns angeboten wird, wir können auch die Küche im Haus des Nachbarn benutzen, das wäre kein Problem. Dieses liebenswürdige Angebot nehmen wir natürlich dankend an. Alles bestens. Bis auf die Kälte nachts… es war extrem windig, der Boden feucht und nachts sind es noch bis zu -8 Grad.
25. April 2005 Kleiner Schreck am Morgen. Ein Pferd wurde in der Nacht getreten und hat ein dickes Bein. Nach der Erstversorgung und kurzen Überlegungen entscheiden wir ihn im Hänger mitzunehmen. Die Truppe reitet los, wir mit VW-Bus und Pferdehänger hinterher.
In Estland begleitet uns Liina Orle. Sie ist „im normalen Leben“ bei einer bekannten Forstwirtschaftsfirma als Personalmanagerin angestellt und begleitet uns die ersten drei Wochen durchs Baltikum. Gemeinsam mit Sibylle Lescow kümmert sie sich um den täglichen Einkauf, die Quartiersuche und darum, dass alle unerwarteten Probleme gelöst werden.
Die dritte Nacht verbringen wir in Rootsi. Heute lernen wir die Unkompliziertheit der Esten kennen. Wir fragen bei einem Pferdezüchter, ob wir unser Quartier bei ihm für eine Nacht aufstellen dürfen. „Jaja, kein Problem. Ich habe einige kleine Hütten, da stehen noch alte Betten drin. Ihr müsst sie Euch nur selber herrichten.“ Und schon hatten wir Handfeger und Schaufel in der Hand. Beim ersten Anblick erschraken wir kurz. Wir fühlten uns wie bei Oma auf dem Dachboden. Dunkle, kleine Zimmer mit niedrigen Decken. Alles zugestellt und völlig chaotisch. Alte Bücher, Bettwäsche, Matratzen, Tische, Stühle… Alles räumen wir raus und am Abend, als die Reiter eintreffen, sieht unser Quartier sehr gemütlich aus. Den Abend lassen wir am Lagerfeuer mit gegrilltem Fleisch, Bier, Whiskey und guter Laune ausklingen. Abenteuer pur!
26. April 2005 Heute müssen unsere Pferde was leisten… Wir haben uns auf dem letzten Stück, kurz vorm Ziel verritten und treffen erst nach 50 Kilometern in Are ein. Es ist bereits dunkel und wir wissen noch immer nicht, wie wir zu unserem ausgesuchten Quartier finden. Langsam liegen die Nerven der Reiter blank. Wo sind wir genau und wie sollen wir bei Dunkelheit den richtigen Stall überhaupt noch finden? Aber dann leuchtet uns ein Auto mit dem Scheinwerfer entgegen. Die Stallbesitzer haben uns gefunden… Sichtlich erschöpft versorgen wir unsere Pferde und bringen sie auf eine wunderschöne, große Koppel, auf der sie sich über Nacht gut erholen können. Zum Glück steht das Essen bereits auf dem Tisch und so wird es noch ein sehr geselliger Abend. Wir Reiter übernachten dicht an dicht im Reiterstüble mit Isomatten auf dem Boden.
27. April 2005 Kurzfristig verändern wir unsere Route. Wir werden heute nur 20 Kilometer zurücklegen, um die Pferde zu schonen. Ein Quartier vor Ort ist schnell gefunden. Das, was die Reiter gestern missen mussten, ist heute perfekt. Ein tolles Ferienhaus mit Küche, Doppelzimmern, Sauna, Waschmaschine, Bar, großem Aufenthaltsraum. Alles bestens. Bloß vor lauter Erschöpfung nutzen wir von alledem nichts, bis auf die Waschmaschine, die die halbe Nacht durchlaufen muss. Die Reiter genießen das warme Bett. Die Pferde stehen ca. 1 Kilometer von uns entfernt auf. Diesmal haben wir unseren Elektrozaun bei dem estnischen Züchter Jaanus Kallaste errichten können. Wir finden ein beeindruckendes, großes Gestüt für Torri vor. Auch dort werden wir herzlich empfangen und können unsere Pferde gut versorgen.
28. April 2005 Jeden Tag erleben wir einmalige Dinge. Heute übernachten wir bei einem Ehepaar, die im Sommer Ferienhäuser vermieten. Die Pferde können wir wieder direkt davor unterbringen. Da wir bereits morgens um 8.oo Uhr abgeritten sind, können wir am Nachmittag noch Kanufahren und uns am Luftgewehr schießen erproben. Alles kostenlos zur Verfügung gestellt von unserem netten Vermieter. Auch hier kostet uns die Übernachtung lediglich 8,- EURO pro Person. Am Abend spielt die Hausfrau mit dem Arkodeon estnische Lieder und wir feiern ausgiebig und tanzen ausgelassen. Wir können es noch immer nicht fassen, wie gastfreundlich die estnischen Menschen sind! Uns geht es ja so gut!
Übermorgen erreichen wir die Grenze nach Lettland und wir sind gespannt, was und dort erwarten wird…. Bald mehr.
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