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Reitwelt.info - Alles rund ums Pferd - Online Magazin von und für Pferdefreunde


Reisebericht - 70 Tage im Sattel Teil 2

von (WANDERREITHOF KERN)

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Estland

29. April 2005
Nach ausgiebigem Feiern wachen wir am nächsten Morgen erschöpft auf. Aber, die Sonne scheint und so sind wir schnell aufgemuntert. Einziger Nachteil… unsere Grillsachen stehen noch immer draußen und es wartet viel Aufräumarbeit. Grill einpacken, Küchenboxen neu sortieren, Vorrat überprüfen, Zaun abbauen, Futter- und Wassereimer verstauen und das Reisegepäck in den VW-Bus einräumen. Letzteres erweist sich – wie jeden Tag – als äußerst schwierig. Vielleicht kann man es sich in etwa vorstellen, wie viel Gepäck bei 13 Reitern so zusammen kommt. Pro Person ca. 2 Taschen, sind sage und schreibe bereits 26 (!) Taschen. Dann jeder noch ein Zelt, Schlafsack, Isomatte. Gerade eben bekommen wir die Klappe des VW-Busses noch zu.

Heute sind wir zu viert im Auto. Zwei Pferde, Sirius und Mekka, wollen wir etwas schonen und geben sie als Handpferd der Gruppe mit. Dies als reine Vorsichtsmaßnahme, da sie etwas müde wirken. Aber, es besteht kein Grund zur Sorge. Unser kleines Pony Rizzi Rocky nehmen wir heute nochmals im Hänger mit. Seine Schwellung am Bein ist zwar schon fast abgeklungen, aber wir wollen es noch nicht riskieren. Inzwischen klappt das Einladen völlig problemlos. Wir haben das Gefühl, dass er es einfach verstanden hat. Er weiß ja, dass seine Kumpels abends auf der neuen Weide wieder dazu kommen werden. Wenn man überlegt, wie problematisch das erste Einladen verlaufen ist, können wir sehr stolz auf den Kleinen sein. Er hat schon sehr viel dazugelernt und Vertrauen aufgebaut.

Die Pferde und Reiter sind bereits unterwegs und pünktlich losgekommen. Die Pferdeversorgung klappt von Tag zu Tag besser. Füttern, putzen, versorgen, aufsatteln. Alles spielt sich langsam ein. Pferd und Reiter haben sich aneinander gewöhnt. Heute geht’s 28 Kilometer bis nach Häeedemeste.

Pferd und Reiter benötigen ca. 5 ½ Stunden für die Strecke. Wir fahren bereits nach ca. 40 Minuten in den Ort ein und hoffen auf eine passende Unterkunft. Es gibt zwei Hotels. Beide sind aber noch geschlossen. Auch kein Bauer oder Reitstall ist in Sicht. Wir beschließen erst mal einzukaufen. Das müssen wir eh erledigen. Irgendwie wird sich schon was ergeben. Da wir an der Kasse eine nette Verkäuferin erwischt haben, fragen wir sie einfach mal, ob sie eine Idee hätte.

Und das hat sie. Begeistert von unserem Projekt schnappt sie sich ihr Handy und fängt an zu telefonieren. Ich verstehe zwar gar nichts, aber es hört sich positiv an. Und so ist es. Wir bekommen die Telefonnummer einer Lehrerin aus dem Ort. Sie hat Pferde und kann uns eventuell helfen. Kurzentschlossen gehen wir einfach in die Schule und machen uns auf die Suche nach ihr, da die Zeit langsam drängt. Umringt von neugierigen Schulkindern finden wir sie. Eine fröhliche strohblonde Estin namens Elga. Sie ist uns gleich sympathisch und vor allem regelt sie alles. Nach knapp 15 Minuten haben wir sowohl eine Koppel für unsere Pferde als auch einige Zimmer im Hotel. Perfekt. Das Hotel ist zwar eigentlich noch geschlossen, aber das ist kein Problem. Uns werden die Schlüssel einfach in die Hand gedrückt. Es ist unglaublich, so viel Gastfreundschaft und liebenswerte Menschen! Wirklich tolle Erfahrungen!

30. April 2005
Am Morgen sind wir zum Strandputz eingeteilt. Traditionell hilft das gesamte Dorf im Frühjahr beim Aufräumen des Strandes mit. Da beteiligen wir uns natürlich gerne. In aller Frühe sammeln wir Bretter, Äste, Planen, Eisenteile, alte Flaschen und sonstigen Müll zusammen. Da wir nicht allzu viel Zeit verlieren dürfen, beginnen wir um 8 Uhr. Als wir gegen 10 Uhr aufsatteln, kommen die ersten Esten herbei und setzen die Arbeit fort. Und wir freuen uns, dass wir auch mal helfen konnten.

Heute reiten wir das erste Mal am Strand. Für unsere Österreicher und Schweizerin natürlich ein besonderes Erlebnis und die gesamte Truppe freut sich, dass es heute kaum Straßen geben wird. Die ersten Tage waren leider doch sehr davon geprägt. Die Pferde sind Autos nicht gewöhnt und schrecken jedes Mal zusammen, so dass es teilweise gefährliche Situationen gab. Da genießen wir nun die freie Bahn am Strand. Wir legen insgesamt 30 Kilometer zurück.

Am Strand erwarten uns zwar keine Traktoren und LKWs, vor denen die Pferde erschrecken, aber dafür gibt es andere Gefahren. Nichtsahnend reitet die Truppe hintereinander her. Ein Reiter, der zweite Reiter und beim dritten Reiter versinkt das Pferd urplötzlich im Sand und steckt bis unterm Bauch fest. Treibsand. Mit viel Ruhe und Geschick bekommen wir das Pferd wieder raus. Ein ungewöhnliches Erlebnis, das sich noch einige Mal wiederholt.

Heute wartet die erste Landesüberschreitung auf uns! Wir erreichen Lettland und die Freude steigt auf einen weiteren Höhepunkt. Wir sind gespannt, wie die Grenzbeamten reagieren. Der Grenzpunkt ist in Ainazi. Und wir erreichen es eher als gedacht. Plötzlich taucht aus dem Schilf ein Grenzbeamter auf und fragt ungläubig, was wir vorhaben? Wir schmunzeln, das hat er wohl noch nie erlebt. Brav folgen wir ihm zum Grenzposten. Nach kurzer Wartezeit dürfen wir die Grenze überschreiten. Die Papiere für unsere Pferde werden keines Blickes gewürdigt, unsere Personalausweise hingegen werden genauestens geprüft. Nachdem wir allesamt drüben sind, winken uns die Grenzbeamten noch grinsend hinterher. Nicht nur für uns war es ein schönes Erlebnis.

Estland haben wir nun bereits hinter uns und es bleiben viele schöne Erinnerungen. Die Esten sind nach unseren Erfahrungen ein sehr liebenswürdiges Völkchen und sehr stolz auf ihr Land. Am Anfang zurückhaltend, aber bereits nach kurzer Zeit tauen sie auf und wir konnten die Herzlichkeit oft kennen lernen. Alle waren stets freundlich und irrsinnig hilfsbereit. Da wird nicht lange überlegt, sondern schnell gehandelt. Esten feiern auch gern. Egal wo wir waren, die Eigentümer kamen abends immer dazu und bereicherten unsere vergnüglichen Abende.

Lettland
Nun sind wir in Lettland. Der erste Eindruck: alles etwas gepflegter. In Estland lag doch sehr viel Müll auf den Straßen. In Lettland fallen uns gleich die gepflegten Häuser und die schön angelegten Gärten auf. Auch in den Straßengräben ist nicht mehr so viel Müll zu finden. Die Landschaft ist etwas hügeliger und es scheint mehr angebaut zu werden. Wir sind gespannt, was uns erwarten wird.

Für die erste Nacht in Lettland haben wir für die Pferde eine Koppel organisieren können. Wie immer sind wir durch Zufall an die richtigen Leute geraten. Als wir an einem kleinen Kiosk neue Pre-paid-Karten fürs Handy besorgen, können uns die beiden lustigen Verkäuferinnen bereits helfen. Ein Anruf bei der Freundin genügt. Nach knapp 10 Minuten werden wir abgeholt und sie zeigt uns den Weideplatz. Sichtlich begeistert von unserem Projekt führt sie uns ihr gesamtes Grundstück vor und wir dürfen uns einen Platz für den Elektrozaun aussuchen. Wir freuen uns. Es fängt genauso gut an, wie es in Estland aufgehört hat!

Für die Reiter stehen in einem nahegelegenen Motel drei Zimmer zur Verfügung. Einige dürfen im Bett schlafen, die anderen legen sich mit Isomatten auf den Boden. Nicht sonderlich komfortabel, aber es reicht.

01.  Mai 2005
Ansträngung am Strand für Pferd und ReiterHeute wartet ein 25 Kilometer langer Strandritt auf uns. Da Rizzi Rocky wieder fit ist, kann er als Handpferd die Gruppe begleiten. Und er hat sichtlich seinen Spaß dabei. Nach kurzer Zeit können wir ihn frei neben der Gruppe herlaufen lassen, was er genießt. Völlig vergnügt hüpft er ins Wasser hinein, springt hinaus und wälzt sich immer mal wieder im feinen Sand. Ein tolles Erlebnis für den Kleinen und wir freuen uns, dass er wieder ganz gesund ist.

Für die Reiter ist es am Strand sehr anstrengend. Die Hälfte der Zeit sitzen wir nicht auf dem Pferd, sondern laufen nebenher. Da ist es doch sehr kräftezehrend, wenn man stundenlang den Strand entlang marschiert. Aber, wir sind alle vergnügt und wollten es ja so. Es macht trotz wunden Füßen und enormer Anstrengung Spaß! Wir genießen die Sonne, den Strand, das Meer und die Freiheit!

In Vitrupe können wir in einem Ferienhaus übernachten und lernen mal wieder die Gastfreundlichkeit kennen. Man kann sagen, auch die Letten sind sehr nette Menschen! Am Abend müssen wir noch neues Heu besorgen und statten dem nächsten Bauern einen Besuch ab. Nachdem wir unseren Wanderritt kurz erzählt haben und mitteilen, dass wir Heu für die Pferde brauchen, ist das kein Problem. Wir können uns in der Scheune bedienen und laden den Hänger voll. Alles klappt wie immer bestens.

02. Mai 2005
Ein weiterer Tag am Strand. Wir legen 22 Kilometer zurück. Nach der Hälfte der Strecke erhält das Begleitfahrzeug jedoch einen „Notruf“. Rizzy Rocky lahmt wieder. Wir machen uns auf den Weg, um ihn abzuholen und sind froh, dass bereits mit der Unterkunft für Pferd und Reiter alles geklärt ist und auch die Zäune schon stehen. Als wir die Truppe treffen, sind wir überrascht. Unser kleines Pony lahmt diesmal vorne. Er wurde von Mekka auf die Steine gejagt und hat sich dabei verletzt. Diesmal ist das Bein vorne dick. Brav folgt er uns in den Hänger und wir fahren ihn „heim“.

In Lauci haben wir einen Campingplatz direkt am Strand und zwei gemütliche Holzhäuser zur Verfügung. Traditionelle Sauna genießen wir fast jeden Abend und auch heute wird für uns eingeheizt. Aber, erst wollen wir gemütlich zu Abend essen.

Als wir so gegen 21 Uhr rauskommen und Richtung Sauna aufbrechen, trifft uns der Schlag. Die Hütte brennt! Feuer in der Sauna. Es qualmt nur so aus dem Schornstein und die Fenster sind kochend heiß. Nach kurzem Schreck versuchen wir reinzukommen und einige Taschen zu retten. Jedoch ohne Erfolg. Es ist unmöglich gegen den Qualm anzukommen. Es bleibt uns nichts anderes übrig als auf die Feuerwehr zu warten. Diese rückt mit vier Einsatzwagen an und versucht zu retten, was zu retten ist. Ca 1 ½ Stunden später sitzen fünf Mitreiterinnen von uns vor ihren verqualmten, stinkenden, total durchnässten Taschen. Der Schock sitzt tief. Aber, wir hatten Glück im Unglück. Keiner von uns war in der brennenden Hütte und auch unsere Papiere konnten wir retten. Morgen werden wir einen Ruhetag einlegen und Wäsche waschen… Der Ruhetag war eh geplant. Paßt also ganz gut.

03.05.2005
Ruhetag. Zumindest haben die Pferde Ruhe. Wir machen Großeinkauf. Viele Taschen sind durch das Feuer ruiniert. Die Waschmaschine läuft an diesem Tag auf Hochtouren und wir hoffen, dass der penetrante Gestank des Feuers abnimmt. Der Ruhetag wird natürlich auch zum Versorgen der wunden Füße genutzt… durch das viele Laufen hat inzwischen fast jeder mindestens eine Blase am Fuß. Und nicht gerade kleine. Einige sind „Hackengroß“. Aber, diese Schmerzen werden in Kauf genommen. Dafür sind wir raus aus dem Alltag, den ganzen Tag in der Natur und mit Pferden zusammen. Da können uns Blasen an den Füßen den Spaß nicht verderben! Es geht uns einfach saugut!

04.05.2005
Es wartet ein 29 Kilometerritt auf uns. Beim Durchreiten von kleinen Ortschaften winken uns die Menschen freundlich zu, kommen auf die Straße gelaufen und haben sofort die Fotoapparate parat. Es ist ein tolles Gefühl. Und dann. Ein Mann steht am Straßenrand. Beim Vorbeireiten streichelt er jedes Pferd und schüttelt jedem Einzelnen von uns die Hand. Er kann uns zwar nicht verstehen, freut sich aber irrsinnig über uns. Das sind Erlebnisse, die wir nie vergessen werden.

Wir finden einen kleinen Reitstall in Gauja, die uns sehr herzlich empfangen. Als erstes werden wir wieder rumgeführt und es wird uns alles gezeigt. Anschließend bekommen wir eine schöne Koppel und können unseren Zaun aufbauen. Für die Reiter steht in unmittelbarer Nähe ein Campingplatz zur Verfügung, bei dem wir drei kleine Häuser mieten. Abends wird wieder viel gekocht und lecker gegessen. Erschöpft fallen die Reiter in die wackligen Eisengestellbetten.

05.05.2005
Wir reiten heute 32 Kilometer. Die Wege werden immer schöner und zum Glück können wir oft Straßen meiden. Wir übernachten in Upeslegas, wo wir ein nettes Ferienhaus gefunden haben und für die Pferde bauen wir in Sichtweite eine Koppel auf.

Das einzige Problem an diesem Tag ist das Futter für die Pferde. Der letzte Sack Hafer ist bereits angebrochen und reicht nicht mehr für die morgendliche Fütterung. Es war leider nicht möglich, Hafer zu bekommen. Wir haben viel umher gefragt, aber keiner kann uns Futter verkaufen. Wir hatten uns inzwischen damit abgefunden, dass es kein spezielles Pferdefutter gibt, aber nun ist es sogar schwierig Hafer zu bekommen. Durch Zufall treffen wir auf einen lettischen Wanderreiter. Aber auch er hat keinen vernünftigen Rat. Hafer verkaufen die Bauern einmal im Jahr und so legt sich jeder Pferdebesitzer einen ordentlichen Vorrat an. Er selber schaltet jährlich eine Anzeige, dass er Hafer kaufen möchte und die Bauern rufen ihn zum Verkauf an. Wir sind sehr überrascht.

Da die Rationen der einzelnen Pferdeställe (es gibt eh nicht viele…) inzwischen kleiner werden, benötigen sie die Reserven selber und keiner gibt von dem kostbaren Hafer etwas ab. Wir bekommen eine Adresse genannt, wo wir Hafer kaufen könnten und fahren hin. Nach langer Sucherei finden wir ein altes Fabrikgelände mitten in Riga. Wir dürfen uns die Fabrik ansehen und laufen unübersichtliche, enge Eisentreppen rauf und runter. Es ist ein enormer Lärm und überall staubt es. Eigentlich wird hier Müsli (für Menschen) hergestellt, aber man soll auch Pferdefutter kaufen können. Nun ja. Als uns gezeigt wird, was darunter verstanden wird, sind wir kurz geschockt. Wir schauen in eine Tüte und sehen lediglich staubige Reste von gemahlenem Hafer. Und das soll die einzige Adresse sein, bei der man Pferdefutter kaufen kann? Wir fahren zurück.

In unserem Quartier angekommen, rufen wir aus lauter Verzweiflung nochmals Evita an, bei der wir die Nacht vorher unsere Pferde stehen hatten. Wir wissen keinen Rat. Sie auch nicht. Aber, da sie von unserem Wanderritt so begeistert ist, bietet sie an, dass wir von ihr drei Säcke Hafer bekommen könnten. Ihre Pferde kommen in nächster Zeit auch mit Heu aus. Wahnsinn, solche Hilfsbereitschaft hatten wir nicht erwartet. Wir fahren also die 35 Kilometer wieder zurück, um Hafer zu besorgen.

An diesem Abend lassen wir es uns so richtig gut gehen. Erst erholen wir uns in der russischen Sauna, um unsere müden Knochen zu verwöhnen und anschließend wird gegrillt! Lecker! Viel Fleisch, viel Fisch und viele verschiedene Salate. Außerdem trinken wir heute Abend viel Wodka und so kommt es, dass wir zu lauter Musik alle auf der Tanzfläche sind und übermütig durch die Gegend hüpfen. Hach, uns geht’s ja so gut!

Wir bleiben nun noch ca. 4 Tage in Lettland. Wir sind gespannt, was uns noch erwarten wird… Bald mehr.


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